07 Jul 2017

Neue Kölner Tradition: Rückblick aufs Saatgutfestival 2017

Die Gemeinschaftsgärten Köln hatten zum 2. Saatgutfestival eingeladen und die Volkshochschule rollte ihre roten Teppiche aus.

Bei frühlingshaften Temperaturen bauten am 4. März an die 30 Anbieter und Aussteller im Studienhaus am Neumarkt für einen Tag lang ihre Stände auf. Bereits eine Stunde vor dem offiziellen Auftakt füllte ein buntes Publikum die Räume – Garten- und Ernährungsinteressierte, Umweltaktivisten, Saatgut- und Klimaschützer, Konzern- und Konsumkritiker.

High Noon – das Festival wurde eröffnet von Dr. Henrike Vierig, Leiterin des Fachbereiches Umweltbildung der Volkshochschule, die unsere Vorbereitungen überaus umsichtig und hilfreich begleitet hatte; von Konrad Peschen, dem Leiter des Amtes für Umwelt- und Verbraucherschutz, der sich begeistert zeigte, die umweltpolitische Bedeutung der Veranstaltung hervorhob und für 2018 Unterstützung zusicherte; und von Dorothea Hohengarten, Mitorganisatorin des Festivals und Urban Gardening-Aktivistin bei Kölner NeuLand.

Bis zum frühen Abend wurde auf zwei Etagen Saatgut getauscht und erworben, Meinung, Erfahrung und Sachkundiges vorgetragen und diskutiert. Wieder mit dabei waren der VEN und die Solawi Köln. Als erster Schulgarten hatte die Abendrealschule aus dem Kunibert-Veedel einen vielbeachteten Auftritt. “Der Andere Buchladen” breitete literarische Schätze aus: Schöne und nützliche Gartenbücher, aber auch Werke zu Ernährung und anderen ökologischen Themen.

Für das leibliche Wohl sorgten die Gewinner des 2. Platzes vom Umweltschutzpreis 2016 der Stadt Köln: Immer der Nase nach erreichte man zielsicher die kleine Cafeteria am Ende des Ganges mit den Köstlichkeiten, die “The Good Food” dort aus geretteten Lebensmitteln zauberte.

Für originelle Unterhaltung sorgten “Tante Olga” mit einem Spiel zur Müllvermeidung und “Wilma in der Wurmkiste” mit Indoor-Kompostierung.

Der “Ernährungsrat für Köln und Umgebung”, 2016 gegründet zur Förderung regionaler Lebensmittelerzeugung und -vermarktung, war vor Ort. “Aktion Agrar” informierte über die bedrohliche Situation von freien Weizensorten auf dem Weltmarkt, FIAN Deutschland über den Hunger in den Ländern des globalen Südens. Die Genossenschaftsbank Oiko Credit stellte ethische Modelle zu Geldanlagen vor.

Die Seminarreihe griff eher praktische Saatgut-Aspekte auf. Wie schon im Jahr zuvor berichtete Sabine Lütt aus ihrem reichen Erfahrungsschatz, mit vielen Tipps und Tricks rund um Saatgutproduktion und Gemüseanbau. Um die Steckrübe, vom VEN zur Pflanze des Jahres gekürt, ging es bei Eike Wulfmeyer. Der holländische Designer Martien Bakker präsentierte humorvoll ein Konzept für soziales Gärtnern auf Nord-Balkonen.

Ernster wurde es bei Anja Banzhaf, die anschaulich und eindrucksvoll erläuterte, worum es sich bei Hybridsaatgut handelt und was daran besorgniserregend ist. Überwiegend kritische Standpunkte kamen auch in der Vortragsreihe zum Ausdruck: Susanne Gura erklärte, wie globale Saatgut-Monopole den Artenrückgang vorantreiben. Eindringlich zeigte Severin von Hoenbroich Mechanismen und Folgen einer ausbeuterischen Agrarindustrie auf. Bei Karen Schewina stand die Bedrohung freier Weizensorten durch internationale Konzerne im Mittelpunkt und bei Monika Krüger die Auswirkung von Glyphosat-Rückständen in Nahrungsmitteln auf den Organismus von Mensch und Tier.

Besonders erfreulich war die große Zahl junger Besucher, oftmals Studierende von biologischen und botanischen Fakultäten, die den Vorträgen aufmerksam folgten, den Referenten kluge Fragen stellten und ihre Wertschätzung nicht selten durch großzügige Spenden ausdrückten.

Rückblickend kann das 1. Saatgutfestival 2016 als ein fröhlicher Auftakt gesehen werden, der viele unterschiedliche Akteure zusammenführte. 2017 hat sich ihre Zahl nahezu verdoppelt, die Themen der Referenten sind kritischer und anspruchsvoller geworden. Das Publikum reagierte mit großem Interesse und fast durchweg voll besetzten Auditorien. Oft standen am Ende eines Vortrages Betroffenheit, Sorge und Ratlosigkeit im Raum: Wie kommt man aus diesem Irrsinn raus?

Die zahlreichen positiven Rückmeldungen zur Veranstaltung haben uns gefreut und zum Weitermachen ermutigt. Für 2018 schreiben wir uns “Klasse statt Masse” auf die Fahne. Wir wollen nicht größer werden, sondern besser – prägnanter in den Themen und konkreter in den Antworten. Dafür werden wir verstärkt öffentliche Akteure einer ethisch verantwortbaren Ökonomie in den Bereichen Saatgut, Nahrungsproduktion und Nahrungskonsum zusammenbringen.

Bei allem aber bleibt die Vielfalt unser ethisches Kernanliegen – bei den Arten, auf dem Teller, beim Genuss.

Wir danken allen Beteiligten von 2017 und freuen uns schon jetzt auf die, die 2018 bei der 3. Auflage dabei sein werden.

Save the Date

Saatgutfestival Köln, 03. 03. 2018, 11 – 18 h

 

 

15 Jan 2017

Saatgutfestival am 4. März 2017: Vielfalt ist Programm!

Am 4. März 2017, 12-18 Uhr, laden die Kölner Gemeinschaftsgärten zum Saatgutfestival ins VHS-Studienhaus am Neumarkt. Jetzt steht das Programm.

5 Jahre Vielfalt

Seit 2013 treffen sich alljährlich Kölner Garteninitiativen, um ihre Saatgut-Schätze zu teilen und zu tauschen. So entstand ein kleiner Marktplatz für samenfeste, regionale Gemüse-, Obst- und Blumensaaten. 2016 war diese Tauschbörse das Herzstück des ersten Kölner Saatgut Festivals, für das die Volkshochschule ihre Räume am Neumarkt öffnete. Die Veranstaltung war so erfolgreich, dass sie im gleichen Jahr mit Platz 1 des Umweltschutzpreises der Stadt Köln ausgezeichnet wurde.

Mit wachsender Sorge beobachten immer mehr Menschen die weltweiten Auswirkungen industrieller Nahrungsmittelproduktion, die sich auf gleichförmige Massenmärkte ausrichtet. Der Großhandel bietet nur noch wenige sogenannte Hochleistungssorten an, deren Erträge vor allem im konventionellen Anbau durch Einsatz von Chemikalien gesichert werden, die nicht nur unerwünschte Pflanzen, sondern auch das Bodenleben vernichten und längst ihren Weg auf unsere Teller gefunden haben. So ist Glyphosat heute im Blut aller Menschen und Tiere nachweisbar, die mit dieser Substanz direkt oder indirekt in Kontakt gekommen sind. Die Folgen wurden im Oktober 2016 beim Monsanto-Tribunal in Den Hague von Geschädigten und Wissenschaftlern vorgetragen und sind auch Thema von Vorträgen und Podiumsdiskussion.

Das Saatgut Festival 2017 handelt von vielfältigen Beziehungen zwischen Saatgutproduktion, Umweltschutz, Biodiversität und Menschenrechten. Es gibt Personen und Organisationen eine Bühne, um Wissen, Ideen und Strategien vorzustellen, sich zu vernetzen und sich gemeinsam zu engagieren, für lebendige Vielfalt und Nahrungssouveränität – weltweit.

Eintritt: 2.- Euro

PROGRAMM

12.00 h
Eröffnung – Dr. Henrike Viehrig, VHS Köln, Fachbereichsleitung Umweltbildung
Grußwort – Prof. Dr. Harald Rau, Dezernent für Soziales, Integration und Umwelt Köln
Vorträge
12.45 h »Vielfalt zum Mitmachen – Ernährungsrat für Köln und Umgebung
Dorothea Hohengarten, Journalistin und Urban Gardening Aktivistin
13.00 h »Saatgut – regionale Vielfalt und globale Monopole
Dr. Susanne Gura, Vorsitzende des VEN, Ernährungswissenschaftlerin
13.45 h »Planetare Belastungsgrenzen oder wie lange die Erde uns noch aushält
Severin von Hoensbroech, Schloss Thürnich, Regisseur und Schauspieler
14.45 h »Brot in Not – freier Weizen statt Konzerngetreide
Karen Schewina, Kultur-Anthropologin und Mitbegründerin von Aktion Agrar
15.15 h »Glyphosat-Rückstände in Futter und Nahrung haben Nebenwirkungen
Dr. Monika Krüger, Veterinär-Medizinerin
(Moderation Dorothea Hohengarten, Kölner NeuLand e.V.)
Seminare [semi’na:re] lat. säen, verbreiten
12.45 h »Milch-Kartoning und Social Gardening
Martien Bakker, Designer und Balkongärtner
13.15 h »Die Steckrübe und das Dreieck des Herrn U.– sortenreine Vermehrung von Kohlgewächsen
Eike Wulfmeyer, Biologe und Gemeinschaftsgärtner
14.00 h »Was ist eigentlich Hybridsaatgut und warum ist es so umstritten?
Anja Banzhaf, Botanikerin, Saatgut-Aktivistin und Autorin
15.15 h »Saatgutgewinnung – die ersten Schritte
Sabine Lütt, Saatgutproduzentin(Moderation Martina Reuter, Pflanzstelle Kalk)
16.30 h Podiumsdiskussion »Saatgut global – zukunftsfähige Landwirtschaft
 Im VHS Forum des benachbarten Rautenstrauch-Joest-Museum veranstaltet der Fachbereich Globales Lernen der Volkshochschule Köln eine Podiumsdiskussion unter der Leitung von Irene Ofteringer.
Es diskutieren:
Dr. Martin Märkl (Bayer Crop Science)
Roman Herre (FIAN Deutschland – „Satte Menschen statt satte Gewinne“)
Anja Banzhaf (Saatgutaktivistin und Autorin „Wer die Saat hat, hat das Sagen“).

 

13–16 h Kinderprogramm für Kleine und Große
Thurner Hof ~ GartenWerkStadt ~ Wolfgang Schwellnuss

Aussteller auf der Tausch- und Infobörse

Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt–VEN Informationsstand und Pflanzenquiz

Schulgarten Abendrealschule der Stadt Köln Saatgut aus eigener Produktion

Ernährungsrat für Köln und Umgebung und Taste of Heimat Informationsstand

VHS Biogarten und Imkerei Thurner Hof Saatgut aus eigener Produktion

Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur Saatgut und Infostand

FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk – FIAN Informationsstand

GartenWerkStadt Ehrenfeld e.V. Saatgut aus der eigenen Produktion

Agrarkoordination Ausstellung Genetische Vielfalt und Ernährungssicherheit

Gemeinschaftsgarten Kölner NeuLand e.V. Informationsstand

Solidarische Landwirtschaft Köln Saatgut und Gesätes zum Mitnehmen

Tomatenadel mehr als hundert unterschiedliche Tomatensorten

Campusgarten der Universität Köln Saatgut aus eigener Produktion

Dreschflegel Gemüse-Saatgut aus kooperativer Produktion

Pflanzstelle Kalk /Grenzenlos Gärtnern e.V. Informationsstand

Slow Food Kulinarische Kostproben und Archepassagiere

Burggarten Blankenberg Sieg Saatgut aus dem Kräutergarten

The Good Food Catering mit geretteten Lebensmitteln

Regenbogenschmiede Morbach Hunsrück ausgefallenes Saatgut

Bioland Hof Jeebel Gemüsesaat und Saatkartoffeln

Wilma in der Wurmkiste–Urban Grün Anzuchterde aus der Wurmkiste

Tante Olga, Köln unverpackt ein Müll-Memory

Die Andere Buchhandlung Urban Gardening, Saatgut und Ernährungspolitik

Blühende Landschaft Informationsstand

Lila Tomate außergewöhnliche Sorten

Aktion Agrar Informationsstand

Das Saatgutfestival wird vom Netzwerk Gemeinschaftsgärten Köln in Kooperation mit der VHS Köln und dem VEN e.V. veranstaltet.

 

Saatgutfestival Köln 2017 Flyer